Fernsehen, Ich zahle gerne GEZ
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Warum der Tatort „Im Schmerz geboren“ wichtig ist

Matthes und Tukur haben mehr gemeinsam, als ihre Vornamen

Ästhetisch auf Kinoniveau: Der Tatort „Im Schmerz geboren“ (Screenshot aus der ARD-Mediathek)

Am Fernsehprogramm wird herum gemeckert, seit es das Fernsehen gibt. In den vergangenen Jahren wurden jedoch die Stimmen der Kritiker nicht nur lauter, ihre Kritik wurde auch immer berechtigter. Jetzt gibt es Grund zur Freude. Eigentlich. Am zurückliegenden Sonntag, 14. Oktober 2014, lief der Wiesbadener Tatort „Im Schmerz geboren“ im Ersten Programm der ARD. (Wer Lust hat, ihn zu sehen, in der Mediathek der ARD ist er zwischen 20 und 6 Uhr bis 21.10. abrufbar.)

Ulrich Tukur spielt darin erneut beeindruckend den Kommissar Murot, seinen Gegenspieler Harloff – ja, es gibt einen echten Antagonisten! – verkörpert sensationell gut Ulrich Matthes. Beide Figuren waren vor 30 Jahren gemeinsam auf der Polizeischule, Harloff ging nach seinem dortigen Rauswurf nach Südamerika, wo er im Drogenhandel mitmischte. Jetzt ist er wieder da – das bringt einige Probleme mit sich.

Schon während des Films überschlugen sich die begeisterten Kommentare auf Twitter und Facebook. Tatsächlich haben Regisseur Florian Schwarz und Drehbuchautor Michael Proehl einen durchdachten, harten Thriller mit enormem Gestaltungswillen umgesetzt. Die Kamera von Philip Sichler ist für eine TV-Produktion irre aufwändig, immer wieder gibt es Plansequenzen, die immer auf wundersame Weise der dramaturgischen Funktion untergeordnet sind.

Das Ensemble spielt durch die Bank weg fantastisch, angefangen beim Hauptdarstellerduo Tukur und Matthes, die sich zwischen Vertrautheit und Hass austoben dürfen, aber auch ein eindrücklicher Alexander Held erfüllt die zwei Aufgaben seiner Rolle meisterlich. Vor allem sind es aber die Drehbucheinfälle, die der ewigen Tatort-Herausforderung etwas Neues abgewinnen.

Das Whodunnit oder immerhin Wannkriegensiesraus tritt sehr schnell in den Hintergrund, zu faszinierend sind die Abgründe, die sich da auftun, zu konsequent die Inszenierung einiger Szenen zu klassischer Musik (Hier ein Interview zur Filmmusik dieses Tatorts.), zu gelungen die Stilisierung der Gewalt, zu poetisch die visuelle Auflösung.

Zeitgleich zum Lob in den sozialen Netzwerken kamen schon Skeptiker. Doch der wahre Ansturm auf die ARD ging erst hinterher los. Ob das noch ein Tatort sei, fragten die Puristen, wieso solche Gewaltexzesse zu so früher Stunde im TV laufen dürfen, fragten die Moralisten. Alles erwartbare Reaktionen.

Was mich wirklich ärgerte, waren die Äußerungen von Rezensenten und Kommentatoren, die sich an Gewalt oder Gestaltung abarbeiten, aufgrund der rund 50 Toten dämliche Tarantino-Vergleiche heran zogen oder gar in die leidige GEZ-Gebührendiskussion einstiegen, für deren Anbringung der Anlass heutzutage nicht gering genug sein kann – ohne zu würdigen, dass hier etwas grundlegend Anderes versucht wurde.

Sicher, einige wiesen darauf hin. Aber der Grundtenor dieser Rezensionen war: „Hätten sie es besser nicht versucht.“ Und das ist die falsche Schlussfolgerung! Hier wurde etwas Anderes ausprobiert. Das ist richtig! Und es ist nicht löblich, es ist nötig. Auch, wenn es schief geht!

Jeder Versuch, etwas anders zu machen, ist ein Schritt, hierzulande etwas an der inhaltlichen Schieflage der Sender zu ändern. Sehen wir der Wahrheit ins Gesicht, so sehr wir es uns wünschen, es wird in absehbarer Zeit kein deutsches „Game of Thrones“ oder „Mad Men“ geben. Zu hoch sind die Budgets, zu gering hierzulande die Entwicklungs-, Produktions- und auch Rezeptionserfahrungen mit diesen Genres aus deutscher Hand.

Also gilt es als ersten Schritt, auf Innovation in unseren hierzulande funktionierenden Formaten zu setzen. Auf dem Tatort-Sendeplatz mit der Lieblingssendung im Lieblingsformat der Deutschen ist das schon verdammt mutig. Und ja, dazu gehören auch Ausreißer, wie die Copy&Paste-Versuche der Kinodramaturgie von Schweiger und Constantin Television, die Christian Alvart mit dem Hamburger Tatort umsetzte.

Auch bei „Im Schmerz geboren“ hat nicht alles funktioniert. Aber verdammt viel. Wenn ich also Klagen darüber höre, das sei meilenweit entfernt von Tarantino, komme ich aus dem Kopfschütteln nicht heraus. Hier ist eine ästhetisch radikal andere Richtung verfolgt worden, als sonst auf einem sonntäglichen 20:15-Sendeplatz. Selbst wenn das komplett gescheitert wäre, wäre das ein Erfolg gewesen.

Warum? Weil das heißt, dass die Verantwortlichen – oder einige unter ihnen – langsam nicht nur kapieren, dass sie etwas ändern müssen. Sie haben auch die Eier, das durch zu fechten. Das geht vom Mut eines Autoren, so ein Buch zu schreiben, bis hin zum Redakteur, der das ganze dem Sender, dem Programmchef etc. gegenüber vertreten muss.

Dass Letzterer der in der Branche hoch geschätzte Jörg Himstedt war, überrascht nicht. In seiner Eigenschaft als Redakteur des Hessischen Rundfunks betreute Himstedt Projekte wie „Fünf Jahre Leben“ von Stefan Schaller, den Deutschen-Filmpreis-Gewinner „Oh Boy“ von Jan Ole Gerster und den aktuellen „Jack“ von Edward Berger.

Dass überhaupt etwas Neues gewagt wird, dass dies über den erfolgversprechenden Weg des Genres versucht wird und dass nicht herumgedoktert wird, sondern die Extreme ausgelotet werden, ist eine gute Sache. Das muss man eigentlich, ähnlich dem Phänomen des aktuell im Kino laufenden Cyberthrillers „WhoAmI“ von Baran Bo Odar, schon aus filmpolitischen Gründen gut finden. Insofern steht am Ende dieses Beitrags ein Appell: Mehr Versuche, mehr Scheitern, mehr Mut – und mehr Würdigung, ja, lautstarke Unterstützung dafür!

2 Kommentare

  1. Da hast du etwas sehr Wichtiges angesprochen. Ich glaube, dass heimische Zuschauer (ich setze mal das österreichische Publikum mit dem deutschen gleich) automatisch eine Schere im Kopf haben, wenn es heißt, eine Stamm-TV-Serie versucht etwas Neues oder im Kino läuft ein heimischer Genre-Film an. Ich spreche jetzt mal von mir, denke aber, dass es vielen ähnlich geht: Da steigt so ein negativer Beigeschmack a la „Na, jetzt kopieren sie schon wieder mal die Amis“ auf, dass man ein unvoreingenommenes Betrachten des Werkes gar nicht gewährleisten kann. Das ist einerseits schädlich, da kommt keine Aufbruchstimmung auf.

    Andererseits… Es ist ja oft auch wirklich so, dass ein deutscher Genrefilm oft nur die Kopie eines US-Films ist. Und dass die Akteure auch nicht natürlich rüberkommen. Vielleicht, weil sie zu wenig mit den Charakteren fühlen.

    Beim „Tatort“ war das was anderes: Da war das Schauspiel so herrlich überdreht, dass die Akteure so richtig Lust gehabt haben dürften, das zu spielen.

    • Timo Landsiedel sagt

      Es war ja auch sehr eindeutig stilistisch vom filmischen USA-Duktus abgesetzt. Und genau, was ich anfeuern will, ist die Konzentration auf dem Neuen, nicht auf dem Vergleich oder der ganzen Nörgelei.

      Zugegeben: Die meisten Kommentare der etablierten Rezensenten sind sehr positiv!

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