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O Captain, my Captain

Robin Williams - Wikomedia Commons/Eva Rinaldi CC 2.0

Foto: Eva Rinaldi Flickr: Robin Williams → Diese Datei ist ein Ausschnitt aus einem anderen Bild: File:Robin Williams 2011a.jpg. Lizenziert unter CC BY-SA 2.0 über Wikimedia Commons.

Ein stammelnder Conan O’Brien. Das sieht man nicht alle Tage. Wie viele Late-Night-Hosts ist O’Brien eloquent und ein Meister der Improvisation. Selbst das eigene Schassen durch NBC auf dem Tonight-Show-Sendeplatz vor fünf Jahren brachte den Entertainer keine Sekunde aus der Fassung. Dann kam der 11. August 2014. Am gestrigen Tage starb Robin Williams in seinem Haus bei Tiburon in Marin County, nördlich von San Francisco. Die Polizei vermutet eine Selbsttötung. O’Brien erfuhr während der Aufzeichnung seiner Montagssendung davon. Und rang nach Worten.

So geht es vielen. Facebook und Twitter quellen über von Williams‘ Filmzitaten, „Ruhe in Frieden“-Wünschen und Erinnerungen an einen Schauspieler, der es wie kein zweiter vermochte, auf dem feinen Grat zwischen Komik und Ernsthaftigkeit zu tänzeln, der die Tragik in der komischen Figur fand und die Komik in der tragischen. Williams stand wie wenige seiner Kollegen für eine Unmittelbarkeit der Darstellung, deren Wucht man sich als Zuschauer im dunklen Kinosaal nur schwer entziehen konnte.

Wenn man die zahlreichen Beleidsbekundungen und Erinnerungsfetzen in den sozialen Netzwerken liest (der Hollywood Reporter hat hier ein paar Twitternachrichten seiner Kollegen gesammelt), fällt ein großer Unterschied auf zu den in den letzten Monaten beklagenswerten Todesfällen anderer prominenter Künstler. Die Kondolierenden stammen aus Sport, Entertainment sowie Politik und ihre Anzahl ist überwältigend. Sogar Präsident Barack Obama gab noch am Montag eine Stellungnahme ab und würdigte den Mimen als „one of a kind“.

Bei seinen Kollegen in Hollywood mag diese Reaktion nicht überraschen. Viele seiner Weggefährten beschreiben ihn als warmherzigen, großzügigen Menschen. Doch gerade in meinem Bekanntenkreis auf Facebook habe ich den Eindruck, dass viele Filmliebhaber sehr emotionale, persönliche Erinnerungen mit Robin Williams verbinden. Scheinbar erreichte er viele Menschen auf einer Ebene, die sonst nur persönlich Bekannten und Freunden vorbehalten ist. Warum?

Er hatte eine Wahrhaftigkeit, die es einem leicht machte, anzudocken. Was er tat, das machte er unter Einsatz von allem, was er einzubringen vermochte. Andere sitzen Promoauftritte in Late-Night-Talksows auf einer Backe ab. Wer Robin Williams auch nur einmal bei Craig Ferguson oder bereits erwähntem Conan O’Brien gesehen hat, konnte Zeuge werden einer Entfesselung. Seine kaskadierenden Einlagen, denen – einmal losgelassen – nur schwer etwas entgegen zu halten ist war.

Doch diese Unmittelbarkeit hatte einen Preis. Seit Jahren litt Williams unter Depressionen. Hatte mit Alkohol- und Drogenabhängigkeit zu kämpfen. Er ging immer offen damit um, machte darüber Witze („I went to rehab in wine country, just to keep my options open.“), bekam nach einem Rückfall 2006 Karriere und Leben wieder in den Griff – wie es schien – und arbeitete weiter. Erst vor Kurzem, so berichtete das Celebrity-Portal TMZ, begab er sich wieder in eine Rehaklinik, angeblich für das „Feintuning“ seiner Abstinenz.

Robin Williams hat meine Kinogeneration geprägt. Für mich wurde er in der Rolle des John Keating in „Dead Poets Society“ von 1989 unsterblich. Eine Rolle, die Parallelen zu seinem Wirken aufweist. Keating wollte inspirieren, seinen Schützlingen einen Anstoß geben, dessen Energie sie aufnehmen und weiter tragen konnten. Jeder nach seiner Begabung, seiner Persönlichkeit, seinen Möglichkeiten. Und Keating scheiterte, weil er die strengen Regeln der Gesellschaft unterschätzte.

Auch Robin Williams hat inspiriert, hat Anstöße gegeben, hat mehr als nur unterhalten. Der von einem Crescendo zum nächsten jagende, anarchische Comedystil, den er in seiner Stand-Up-Zeit entwickelte, flammte vor allem in den Gastauftritten bei Late-Night-Talkern oder Shows wie „Whose Line is it anyway?“ oder „Saturday Night Live“ auf. Diese Anarchie rettete er in einige Rollen hinüber, vor allem, wenn er unangepasste Figuren spielte, wie den Daniel Hillard in „Mrs. Doubtfire“, Adrian Cronauer in „Good Morning, Vietnam“, Parry Sagan in „König der Fischer“ oder eben John Keating. Mit diesen Figuren jubelte er dem Zuschauer subversiv den „anderen Blickwinkel“ unter, den Keating seinen Schülern empfiehlt und sie dazu auf seinen Tisch steigen lässt.

Robin Williams scheiterte nicht an strengen Regeln. Er scheiterte an einer Krankheit, die noch immer verharmlost und missverstanden wird. Aber ist er wirklich gescheitert? Unbestritten hat er den Kampf gegen die Krankheit nicht gewonnen. Ganz unabhängig davon, was die Behörden über einen angeblichen Suizid herausfinden werden. Doch er hat auch mehr erreicht, als so manch 63-Jähriger Hollywoodschauspieler.

Williams hat Millionen berührt, inspiriert und vielleicht früh im Leben davon abgehalten, seinem eigenen Schicksal anheim zu fallen. Man kann diese Zeilen in ein Drehbuch schreiben „Find your own rhythm“ oder „Take a different perspective“. Aber es bedarf eines Großen, der die Fähigkeit besitzt, diesen Funken lebendig werden zu lassen, daraus einen wahrhaftigen Moment zu machen. Das war seine Gabe.

In der letzten Szene von „Dead Poets Society“ stellen sich die Schützlinge John Keatings einer nach dem anderen unter dem Ausruf „O Captain, my Captain“ auf ihre Tische. Das haben sie vorher im Film auf Keatings Tisch geübt, beobachtet von einer Kamera, die eine interessierte Untersicht einnahm. Am Ende des Films schaut Keating zu ihnen auf. Die Kamera, jetzt auf Augenhöhe der jungen Männer, schaut zurück. Sie sind inspiriert worden, haben ihren Rhythmus gefunden, sind erwachsen geworden. Wie wir mit und durch Robin Williams.

 

Weitere lesens- und hörenswerte Kommentare:

Lukas Heinser:
http://www.coffeeandtv.de/2014/08/12/hebt-die-glaeser-fuer-john-keating/

DeutschlandRadio Kultur, Wolfgang Stuflesser im Gespräch mit L.A.-Korrespondent Jürgen König:
http://www.deutschlandradiokultur.de/nach-dem-tod-von-robin-williams-hollywood-haelt-kurz-den.1008.de.html

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