Fernsehen, Ich zahle gerne GEZ
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Keine Schere im Kopf

Screenshot_ARDMediathek_BTF_Elstner

Das Retrodesign ist Programm: Hier wird das Fernsehen der 80er Jahre wiederbelebt. (Screenshot, ARD-Mediathek „Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von Frank Elstner“, Erstausstrahlung 20.07.2014)

Ich bin verliebt. Sie ist genau drei Tage alt. Aber ich bin sehr verknallt. Keine Angst, ich schleife in den kommenden Zeilen weder mein peinliches Intimleben durch diese Blogstruktur, noch bin ich über Nacht Vater geworden und stopfe diesen Blog in den Folgemonaten mit Windelgeschichten und Kinderwagentestberichten voll. Das Objekt meiner Begierde ist eine Fernsehsendung.

Am letzten Sonntag lief im Westdeutschen Rundfunk erstmals „Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von … Frank Elstner“. Neun unverbrauchte Gesichter – neudeutsch ‚Talents‘ – inszenieren eine fiktive Show, die sich sehr grob an den Eckdaten ihres prominenten Gastes orientiert. Unter ihnen, sicher nicht ganz zufällig, zwei Absolventen der ersten Moderations-Masterclass von Elstner an der Axel-Springer-Akademie.

Verantwortlich für diese öffentlich-rechtliche Dreiviertel-(Stern)stunde ist die Bildundtonfabrik (BTF) von Philip Käßbohrer und Martin Schulz. Schulz ist bei dieser Sendung Produzent, Käßbohrer fungiert zusammen mit Jan Böhmermann als Executive Producer. Das Unternehmen produzierte in den vergangenen Jahren solche Kleinode wie „Roche & Böhmermann“, „Kebekus!“ sowie „Neo Magazin“ und strichen im April für letztere Show den Grimme-Preis ein.

Beim neuesten Wurf kann man eindrucksvoll sehen, was passieren kann, wenn nicht jede Idee von einem halben Dutzend Trotteln (sprich: Redakteuren) kaputtgeredet wird, die von Formatentwicklung und kreativen Prozessen herzlich wenig verstehen, dafür aber von Pensionsansprüchen und Steuerabschreibungen umso mehr. Wer in den Abspann schaut, zählt zwar auch insgesamt fünf Redakteure. Die hier haben sich aber offensichtlich mit ganzem Herzblut der Freiheit dieser Sendung verpflichtet!

Schon im Show Opener bepöbelt Frank Elstner die Gäste seiner eigenen Beerdigung – unter ihnen Kollegin Bettina Böttinger und WDR-Intendant Tom Buhrow – als „humorloses Pack“ sowie „Arschloch“, weil sie es nicht lustig finden, dass er plötzlich aus dem Sarg springt. Es folgt eine Aneinanderreihung von live vor Publikum aufgezeichneten Sketchen und Einspielern. Die Sendungs- und Ensemble-Struktur erinnert etwas an Saturday Night Live oder seiner zahlreichen Ableger.

Doch der Aufwand, der hier betrieben wird, ist exorbitant. Da werden für einen Sketch zwei Parallelhandlungen in Taxi und Shazam-Firmenzentrale im Studio aufgebaut, inklusive Licht für die Reflexionen während der fingierten Fahrt. Es gibt aufwändig auf Siebziger Jahre getrimmte Einspieler und nicht zuletzt eine fette, komplett durchoreografierte Musicalnummer zum Schluss. (Lass‘ mich raten, wer dafür verantwortlich war.)

Apropos Einspieler. Deren Qualität schraubte das Team der Bildundtonfabrik ja bereits bei „Roche & Böhmermann“ in ungeahnte Höhen. Der Vorteil bei „Die unwahrscheinlichen Ereignisse …“ ist dessen Fiktionalität. Das hat zur Folge, dass hier noch mehr Unsinn erzählt werden kann. Diese Freiheit nutzt das Team: „Frank Elstner ist Ehrenbürger und Besitzer seiner Heimatstadt Baden Baden. Das 64 Meter hohe Frank-Elstner-Denkmal im Garten des Brenners Park-Hotels lockt jährlich tausende Besucher an.“

Elstner selbst merkt man den Spaß daran an, sich selbst durch Kakao zu ziehen. Ob es Scherze über sein Glasauge sind oder in einem Sketch seine Moderationsabhängigkeit thematisiert wird, das nimmt er, wie der Profi, der er nun mal ist. Im sicheren Wissen, dass die ironische Brechung immer auch Hommage ist. bei einem Mann seines Formats allemal. Zudem tritt hier noch ein weiterer Aspekt zutage. Redaktion und Autoren hatten keine Schere im Kopf, was die Gags angeht.

Das erschöpft sich nicht in Glasauge-Referenzen. Wenn Elstners Engagement für junge Moderatoren in der fiktiven „Viral-Masterclass“ persifliert wird, ist das schon mehr als ein Augenzwinkern. Zumal wenn man bedenkt, dass die Ensemble-Mitglieder Alexander Wipprecht und Florentin Will aus Elstners Moderations-Masterclass stammen und Will auch als Autor geführt wird. Wenn dann niemand Geringeres als Samuel Koch für die Ungefährlichkeit eines für ein Youtube-Video geplanten Stunts bürgt, bleibt einem kurz das Lachen im Halse stecken.

Diese Momente sind zwar selten, aber sie sind da. Der Ausbruch aus dem politisch Korrekten wird auch Koch Spaß gemacht haben. Das Spiel mit den Erwartungen an einen Querschnittgelähmten. Hier wird nicht über den Rollstuhlfahrer gelacht, den Witz macht Koch selbst. (Dieser Umgang mit solchen Themen wird bereits in der Show-Eröffnung angedeutet, als wirklich jede vermeintliche „Minderheiten“-Gruppe Frank Elstner begrüßt, bis hin zum Rollstuhlfahrer, der beinahe das Mikrofon umfährt, nur um zu sagen, dass es ihm nichts ausmache, wenn Witze über ihn gemacht werden.)

Für das Aussprechen solcher Ideen sind schon Autoren auf der Straße gelandet. Das ist der Wille anzuecken, es nicht jedem Recht zu machen. Das ist kein glattgescheuertes Wohlstandsfernsehen, das sind frische Gesichter und der Spaß am Fernsehen – und der Auseinandersetzung mit dem Medium. Aber auch nicht der krampfhafte Tabubruch a la Joko & Klaas, die sich stets selbst übertrumpfen müssen, um noch interessant zu bleiben.

Sicher lief hier noch nicht alles rund. Der Kneipensketch war etwas zu lang für Idee und Pointe. Auch wirken die Übergänge manchmal etwas gewollt. Da wünscht man sich entweder eine echt glatte Inszenierung oder den Mut zum offensichtlichen Bruch. Sicher gibt es immer Potential zur Verbesserung. Aber verdammt nochmal, das war die erste Sendung. Lasst die mal machen. Ich möchte ganz ungern schon wieder solche Worte wie „Grimme-Preis“ in den Mund nehmen. Aber die zwingen mich dazu.

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