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Generationenkonflikt: Y versus Z

Ich stolpere oft. Also metaphorisch. Beim Zeitunglesen, Nachrichtenschauen oder Radiohören. Manchmal ist es ein Artikel, manchmal eine Formulierung, oft eine Haltung, die für mich nicht zur Darstellungsform passen will. Mitte September bin ich über die Onlineversion eines Kommentars von Oliver Jeges in der Welt am Sonntag gestolpert.

Die Unausgegorenheit der Polemik lugt dem Leser schon aus dem Titel entgegen. Dort heißt es: „Die Jugendlichen von heute wirken wie Zombies.“ Autor Oliver Jeges schreibt also „Wirken“. Das ist schon enorm zurückgenommen, als wolle er besagter „Jugend von heute“, der er mit 32 Jahren auch noch nicht lange entwachsen ist, nicht zu nahe treten.

Was er aber dann doch tut. Jeges vergleicht in dem am 14. September in der gedruckten WamS und am 15. September auf Welt.de veröffentlichten Artikel die aktuelle Generation Y (gesprochen: „Why?“) mit den seelenlosen Zombies aus dem gleichnamigen Literatur- und Filmgenre. Eine Idee, der ich beim ersten Lesen der Überschrift sogar Sympathie entgegen brachte.

Jeges zieht als Belastungszeugen den Roman „Warm Bodies“ von Isaac Marion heran, der 2013 von Regisseur Jonathan Levine („50/50“) höchst passabel auch verfilmt wurde. „Warm Bodies“ schildert die Zombie-Apokalypse aus der Sicht eines Zombies, nämlich seiner Hauptfigur „R“. Buchzitate nutzt Jeges reichlich, um seine Behauptungen über die „Seelenlosigkeit“ der heutigen Heranwachsenden aufzustellen.

Jetzt könnte ich mich darüber aufregen, dass der Autor das Zombiegenre unkorrekt zusammenfasst. „Zombies sind immer eine sinnfreie Bedrohung für die Menschheit, so emotionslos wie ein Ebola-Virus oder Tsunami und so persönlich wie ein hungriger Grizzlybär.“ Aber das lasse ich noch als erlaubte Verallgemeinerung zwecks Zuspitzung durchgehen. Das ist ja schließlich kein film- oder literaturhistorischer Text.

Nein, mich stört eine simple Missachtung der journalistischen Sorgfalt. Ja, selbst in einem Kommentar. Denn dieser Text hier kommt ganz und gar nicht wie einer rüber. Wenn ich auf der einen Seite eine Behauptung aufstelle, die ich aus der These ziehe, der innere Monolog des „Warm Bodies“-Protagonisten sei mit einer Selbstbeschreibung der Generation Y gleichzusetzen, so muss ich auf der anderen Seite Belege bringen, die diese Behauptung in der erfahrbaren oder statistisch abbildbaren Realität untermauern. Das aber geschieht über weite Strecken nicht.

Es gibt nun wirklich genügend Studien zum Thema „Jugend heute“, die auch noch frei zugänglich sind. Da wäre es ein Leichtes gewesen, beispielsweise die aktuelle Shell-Jugendstudie von 2010 heranzuziehen, um zumindest ein paar Zahlen in der Hand zu haben, die (zwar ein gestiegenes, aber) nach wie vor geringes Interesse für Politik oder einen Werteverfall (wäre schon schwieriger) nachzuweisen. Die Sinusstudie von 2012 ist gar noch aktueller. (Aber noch weniger geeignet zur Untermauerung von Jeges‘ These.)

Stattdessen gibt es eine problematische Koppelung von verallgemeinernder Behauptung mit selbst gebasteltem, zugespitzten Motto, gefolgt von kruder Zusammenfassung, ja Schlussfolgerung, wie hier:

„Teenager und Twentysomethings, die selten hinterfragen, warum etwas so ist, wie es ist, die keine Haltung entwickeln und deren Motto lautet: „Ich habe zwar keine Ahnung, was ich will, aber davon bitte viel!“ Sowohl Zombies als auch die heutige Generation sind weder Opfer noch Agenten ihres Zeitgeists. Sie tun einfach das, was sie tun müssen.“

Wer hier Jeges nicht in seiner Einschätzung der Jugend folgt, den nimmt er auch nicht mit. Die Behauptung, dass die Jugend von heute so sei, wird nicht belegt. Nicht mal mit einer persönlichen Erfahrung. Das geht grundsätzlich in einem Kommentar. Ist aber schade, denn ansonsten kommt der Artikel eher wie ein polemisches Erklärstück daher, dem ich dann aber auch gerne in allen Gedankengängen folgen möchte.

Jeges malt das Bild der Zombiehorde dann gleich als ein arg schiefes (Äh, auch dieses Bild ist schief), wenn er das Menschenfleisch, also das Objekt, nach dem die Zombies gierten, für die Generation Y durch „Anerkennung und Wertschätzung“ sowie „Lob und Liebe“ ersetzt. Im nächsten Satz ist es plötzlich ein Schlafwandeln durch die aktuellen Kriege, Katastrophen und politischen Skandale, dass ihn wundert.

Warum zieht Jeges den – publizistisch – ausgelutschten Vergleich zum jugendlichen Protest gegen den Vietnamkrieg heran? Warum hat er nicht seinen Blick in die jüngere Vergangenheit auf die Demonstrationen gegen den Irakkrieg des Herrn Bush lenkt? Das ist zwar auch zehn Jahre her, aber vermutlich waren doch zu viele seiner kritisierten Twens von heute als Teenager auf eben jenen Demos.

Weiter behauptet Jeges: „Heute herrscht wieder Krieg an Europas Grenzen, doch den meisten ist es vollkommen egal.“ Ist das so? Meine persönlichen Erfahrungen mit zwischen 17- und 27-Jährigen (das ist der nicht-repräsentative Ausschnitt dieser Altersgruppe in meinem Bekanntenkreis) belegen das Gegenteil. Wie sind seine denn? Worauf fußt dieser Vorwurf? Das sagt er mir leider nicht. Stattdessen folgt ein weiteres Zitat aus dem Zombie-Roman mit ungefragter Zusammenfassung von Herrn Jeges: „Zombie oder Ypsiloner – die Seelenlosigkeit ist ihnen gemein.“

Die Kritik an der unreflektierten Teilnahme an der ALS Ice Bucket Challenge kann ich sogar nachvollziehen. Der Ach-so-lustige Sommerhype des Kaltwasserduschens hatte einen ernsten Hintergrund, nämlich auf die amyotrophe Lateralsklerose hinzuweisen. Doch nach und nach entfernte sich das Spektakel von seiner Ursprungsidee. Viele nicht prominente Teilnehmer ließen am Ende sogar den Wortzusatz „ALS“ im Titel ihrer Postings weg, von einer Erwähnung oder Verlinkung auf die diversen, möglichen Spendenempfänger ganz zu schweigen. Das jedoch taten Alters- und Nationengruppen aller Couleur. Dieses Verhalten ließe sich also nicht allein (deutschen) Jugendlichen in die Schuhe schieben.

Schließlich führt Jeges tatsächlich noch eine Studie heran, die des anerkannten Jugendforschers Klaus Hurrelmann. Aus dieser zitiert er einen Absatz, der gegenwärtigen Jugendlichen zuschreibt, mit schneller Auffassungsgabe ihr Verhalten so festzulegen, dass möglichst viel Gewinn für sie zu erwarten sei. Ausgerechnet am Tag der Veröffentlichung, dem 15.09.2014, erschien auf der Internetpräsenz der Frankfurter Allgemeinen ein Interview mit Hurrelmann, Thema ist ebenjene Studie, auf die auch Jeges sich bezieht. Schon im Titel und Lead klingt die Zusammenfassung der FAZ-Redaktion so ganz anders, als im Welt.de-Artikel:

„Sie sind angepasst, aber das ist ihr Vorteil“

Verwöhnt, konfliktscheu, opportunistisch und als Führungskräfte unbrauchbar: Das sind die Vorurteile über die derzeit Jungen. Das ist unfair, findet der Soziologe Klaus Hurrelmann.

So fällt dann auch die im Jeges-Text folgende Parallelisierung Zombies/Jugend diesmal deutlich verkrampfter aus:

Die junge Generation als instinktgetriebene Ansammlung vermeintlicher Individuen auf der Suche nach dem besten Nutzen. Genau wie eine Zusammenrottung von Zombies, die es gedankenlos immer in Richtung der nächsten Menschengruppe zieht.

Bevor ich versucht bin, dem ein „Hä?“ nachzustellen, wende ich mich den letzten Absätzen von Jeges Artikel zu. Hier wird es nämlich nochmal so richtig ärgerlich. „Die Sinne der ab 1980 geborenen scheinen vom permanenten Wohlstand getrübt“, schreibt er. „Sind es Kinder eines seelenlosen Kapitalismus?“, fragt er. Hier kommt also erstmals in diesem Artikel ein gesellschaftlicher, politischer Kontext ins Spiel, in dem diese Kinder aufgewachsen sind, dem sie ausgesetzt waren, der ihr Verhalten beeinflusst haben könnte.

Davon hätte ich mir etwas früher etwas mehr gewünscht, was übrigens auch bei Herrn Hurrelmann offene Türen eingerannt hätte. Und ich bin sogar bereit zu akzeptieren, die Generation der DDR-Kinder, die in den prägenden ersten zehn Lebensjahren in einem Unrechtsstaat aufwuchsen in dem keine „Masters“-Figuren an den Bäumen wuchsen, in einen Topf mit den westlichen (vermeintlichen) Wohlstandskindern geworfen zu sehen. Leider wird der Kapitalismusgedanke gar nicht weiter verfolgt, sondern bereits als Schlussfolgerung präsentiert. Chance vertan.

Sicher, es handelt sich beim Artikel von Jeges um einen Kommentar. Vertreter dieser journalistischen Darstellungsform sind durchaus für unterschiedliche Ausprägung ihrer Argumentationswilligkeit bekannt. Ist auch okay. Ich fürchte nur, so geht es mir zumindest, dass der Autor hier am Publikum vorbei schreibt. Ein Hinweis darauf, dass es auch anderen so geht: In den rund 250 Kommentaren zu diesem Artikel geht es fast ausschließlich um die eine These des mangelnden Vorbereitet-Seins der jungen Menschen auf die aktuelle (Arbeits-)Welt.

Dabei sind gerade für diesen Vorwurf im Artikel keinerlei belastbare Belege vorhanden. Die gibt es dort draußen, mit Sicherheit. Aber der Autor nimmt uns nicht mit auf diesen Weg. Hätte er hier Belege angeführt, wäre er vermutlich auch nicht umhin gekommen, die gesellschaftliche Entwicklung, ja, vielleicht sogar sozialpsychologische Aspekte mit einfließen zu lassen. Ganz zu schweigen von den oben erwähnten Studien. Das wäre jedoch ein anderer Artikel geworden. Und kein Kommentar. Wenn ich es mir so überlege, hätte ich mir dann doch lieber eine reine Polemik gewünscht.

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