Autor: Timo Landsiedel

Genrenale 3 – Jetzt erst Recht!

In den letzten Jahren konnte man beim Blick in Fernsehprogramm und Kinoschaukästen ob des mangelnden Innovationswillens schon den Glauben verlieren. Wem es so ging, der konnte sich am 11. und 12. Februar 2015 im Berliner Babylon-Kino endlich wieder einer religiösen Erleuchtung nahe fühlen. Verantwortlich dafür war die Genrenale, das Festival für Horror, Mystery, Thriller und Fantasy. Im dritten Jahr seines Bestehens lässt sich ein beachtliches Resümee ziehen. Die Festival-Organisatoren Paul Andexel und Krystof Zlatnik hatten die Filmschau 2013 als 90-minütiges Programm ins Leben gerufen. Schon 2014 war ein ganzer Tag mit mehreren Kurzfilmprogrammen und einer Feature-Premiere daraus geworden. In diesem Februar konnten die beiden Berliner Filmemacher auch dank der Unterstützung vom TV-Sender TELE5 und einer großen Crowdfunding-Kampagne zwei volle Tage bespielen. 30 Genrewerke wurden gezeigt, davon drei Langfilme, hinzu kamen zahlreiche Trailer, Teaser oder Previews. Mehr Masse, mehr Ausschuss? Mitnichten! Sogar das Gegenteil ist der Fall. Durchweg lässt sich der deutschen Genreszene – entgegen der öffentlichen Wahrnehmung – nicht nur eine hohe Produktivität, sondern auch eine überdurchschnittliche Qualität bescheinigen. Den Eindruck habe ich schon länger. …

KurzfilmFreitag (2): „Nennt mich Schmetter“ von Felix Harjans

Zwei Studenten machen sich auf, einen Dokumentarfilm zu produzieren, der sie dabei begleitet, wie sie einen Dokumentarfilm produzieren. Leider verheddern sie sich dabei irgendwie in der Metaebene, was tragische Folgen hat. Eine weit verbreitete Unsitte unter jungen Filmemachern ist es, das eigene Werk bis zum Bersten mit Intertextualität zu überfrachten. Im Amateur- und Indiefilm geschieht das eher auf der inhaltlichen Ebene, im Studentenfilm eher auf der formalen. Im schlimmsten Fall führt das zur Beliebigkeit – wenn man die tausendste „Hasta la vista“-Variante um die Ohren gehauen bekommt – oder gar zur völligen Unverständlichkeit, weil die Bildsprache russischer Neo-Surrealisten leider noch nicht zum hiesigen Bildungskanon gehört. Felix Harjans und sein Team spicken ihren Film zwar mit reichlich Zitaten. Die sind aber so herrlich mit Albernheiten unterfüttert oder gar überlagert, dass man nicht das Gefühl hat, hier einer medienwissenschaftlichen Selbstbespiegelung beizuwohnen. Im Gegenteil: Wann immer möglich, nehmen die Mainzer Studenten die gängigen Dokumentarfilmklischees auf die Schippe. Das fängt schon bei der Entscheidung, den Film im 4:3-Bildformat zu drehen, an. Es werden bedeutungsschwangere Sätze gesagt, nach denen die …

KurzfilmFreitag (1): „Shit“ von Samuel Buscapé

Fettiges Essen, Angetrunkene, Schießbudenfiguren. Nein, wir befinden uns nicht auf der Klausurtagung der CSU, sondern auf dem Jahrmarkt. Über dieses Kirmesvergnügen jagt ein junger Mann, sein Blick wechselt hastig zwischen Himmel und Fahrgeschäften hin und her. Endlich findet er, was er sucht: eine Schießbude. Er lädt das Gewehr und hebt den Lauf … Samuel Buscapé ist ein schneller kleiner Film gelungen, den man als Zierde seines Genres bezeichnen darf. Er ist mit gerade mal 2 Minuten und 34 Sekunden enorm kurz. Jetzt gibt es viele Filme, die eine ähnlich Länge haben. Doch entweder erzählen die zu wenig oder es gelingt ihnen, selbst auf dieser geringen Distanz noch Zeit zu verplempern. Letztere sind dann oft eh nicht der Rede wert, denn was bleibt man hier noch an Story übrig? All diese Fehler macht Regisseur und Autor Buscapé nicht. Er erzählt seine Geschichte ökonomisch, aber nicht zu knapp. Dafür nutzt er das Mittel der Verrätselung und erzählt seine Story in zwei verschachtelten Rückblenden. Die Kameraarbeit von Markus P. Hammer ist hervorragend und unterstützt stets die Verrätselung. Dabei …

Warum der Tatort „Im Schmerz geboren“ wichtig ist

Am Fernsehprogramm wird herum gemeckert, seit es das Fernsehen gibt. In den vergangenen Jahren wurden jedoch die Stimmen der Kritiker nicht nur lauter, ihre Kritik wurde auch immer berechtigter. Jetzt gibt es Grund zur Freude. Eigentlich. Am zurückliegenden Sonntag, 14. Oktober 2014, lief der Wiesbadener Tatort „Im Schmerz geboren“ im Ersten Programm der ARD. (Wer Lust hat, ihn zu sehen, in der Mediathek der ARD ist er zwischen 20 und 6 Uhr bis 21.10. abrufbar.) Ulrich Tukur spielt darin erneut beeindruckend den Kommissar Murot, seinen Gegenspieler Harloff – ja, es gibt einen echten Antagonisten! – verkörpert sensationell gut Ulrich Matthes. Beide Figuren waren vor 30 Jahren gemeinsam auf der Polizeischule, Harloff ging nach seinem dortigen Rauswurf nach Südamerika, wo er im Drogenhandel mitmischte. Jetzt ist er wieder da – das bringt einige Probleme mit sich. Schon während des Films überschlugen sich die begeisterten Kommentare auf Twitter und Facebook. Tatsächlich haben Regisseur Florian Schwarz und Drehbuchautor Michael Proehl einen durchdachten, harten Thriller mit enormem Gestaltungswillen umgesetzt. Die Kamera von Philip Sichler ist für eine TV-Produktion irre …

Generationenkonflikt: Y versus Z

Ich stolpere oft. Also metaphorisch. Beim Zeitunglesen, Nachrichtenschauen oder Radiohören. Manchmal ist es ein Artikel, manchmal eine Formulierung, oft eine Haltung, die für mich nicht zur Darstellungsform passen will. Mitte September bin ich über die Onlineversion eines Kommentars von Oliver Jeges in der Welt am Sonntag gestolpert. Die Unausgegorenheit der Polemik lugt dem Leser schon aus dem Titel entgegen. Dort heißt es: „Die Jugendlichen von heute wirken wie Zombies.“ Autor Oliver Jeges schreibt also „Wirken“. Das ist schon enorm zurückgenommen, als wolle er besagter „Jugend von heute“, der er mit 32 Jahren auch noch nicht lange entwachsen ist, nicht zu nahe treten. Was er aber dann doch tut. Jeges vergleicht in dem am 14. September in der gedruckten WamS und am 15. September auf Welt.de veröffentlichten Artikel die aktuelle Generation Y (gesprochen: „Why?“) mit den seelenlosen Zombies aus dem gleichnamigen Literatur- und Filmgenre. Eine Idee, der ich beim ersten Lesen der Überschrift sogar Sympathie entgegen brachte. Jeges zieht als Belastungszeugen den Roman „Warm Bodies“ von Isaac Marion heran, der 2013 von Regisseur Jonathan Levine („50/50“) …

O Captain, my Captain

Ein stammelnder Conan O’Brien. Das sieht man nicht alle Tage. Wie viele Late-Night-Hosts ist O’Brien eloquent und ein Meister der Improvisation. Selbst das eigene Schassen durch NBC auf dem Tonight-Show-Sendeplatz vor fünf Jahren brachte den Entertainer keine Sekunde aus der Fassung. Dann kam der 11. August 2014. Am gestrigen Tage starb Robin Williams in seinem Haus bei Tiburon in Marin County, nördlich von San Francisco. Die Polizei vermutet eine Selbsttötung. O’Brien erfuhr während der Aufzeichnung seiner Montagssendung davon. Und rang nach Worten. So geht es vielen. Facebook und Twitter quellen über von Williams‘ Filmzitaten, „Ruhe in Frieden“-Wünschen und Erinnerungen an einen Schauspieler, der es wie kein zweiter vermochte, auf dem feinen Grat zwischen Komik und Ernsthaftigkeit zu tänzeln, der die Tragik in der komischen Figur fand und die Komik in der tragischen. Williams stand wie wenige seiner Kollegen für eine Unmittelbarkeit der Darstellung, deren Wucht man sich als Zuschauer im dunklen Kinosaal nur schwer entziehen konnte. Wenn man die zahlreichen Beleidsbekundungen und Erinnerungsfetzen in den sozialen Netzwerken liest (der Hollywood Reporter hat hier ein paar …

Keine Schere im Kopf

Ich bin verliebt. Sie ist genau drei Tage alt. Aber ich bin sehr verknallt. Keine Angst, ich schleife in den kommenden Zeilen weder mein peinliches Intimleben durch diese Blogstruktur, noch bin ich über Nacht Vater geworden und stopfe diesen Blog in den Folgemonaten mit Windelgeschichten und Kinderwagentestberichten voll. Das Objekt meiner Begierde ist eine Fernsehsendung. Am letzten Sonntag lief im Westdeutschen Rundfunk erstmals „Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von … Frank Elstner“. Neun unverbrauchte Gesichter – neudeutsch ‚Talents‘ – inszenieren eine fiktive Show, die sich sehr grob an den Eckdaten ihres prominenten Gastes orientiert. Unter ihnen, sicher nicht ganz zufällig, zwei Absolventen der ersten Moderations-Masterclass von Elstner an der Axel-Springer-Akademie. Verantwortlich für diese öffentlich-rechtliche Dreiviertel-(Stern)stunde ist die Bildundtonfabrik (BTF) von Philip Käßbohrer und Martin Schulz. Schulz ist bei dieser Sendung Produzent, Käßbohrer fungiert zusammen mit Jan Böhmermann als Executive Producer. Das Unternehmen produzierte in den vergangenen Jahren solche Kleinode wie „Roche & Böhmermann“, „Kebekus!“ sowie „Neo Magazin“ und strichen im April für letztere Show den Grimme-Preis ein. Beim neuesten Wurf kann man eindrucksvoll sehen, was …

Authentisches Urviech

Achim Mentzel wird heute 68 Jahre alt. Was hat diese Information in einem Medienblog zu suchen? Der ostdeutsche Entertainer ist einer der bemerkenswertesten Vertreter der volkstümlichen Musikbranche. Nicht, weil seine Werke von inhaltlicher Tiefe oder musikalischer Genialität zeugten. „Gott sei Dank, Dank, Dank / ist sie schlank, schlank, schlank / wie eine Tanne.“ Diese Textzeile steht qualitativ durchaus stellvertretend für sein Oevre. Und das ist kein Kompliment. Nein, seine Verdienste liegen auf einem gänzlich anderen Tableau. Mentzel zeigt, dass auch in diesem oft für seine Künstlichkeit kritisierten Zweig der Unterhaltung Integrität und – ein bös‘ überstrapazierter Begriff – Authentizität möglich sind. Er erwarb sich damit gar Fans und Verehrer über die Grenzen der Volksmusik- und Schlager-Szene hinaus. Wie kam es dazu? Mentzel wurde einer größeren Zuschauermasse bekannt durch den Mediensatiriker Oliver Kalkofe. Dessen 15-minütes TV-Abwatschen „Kalkofes Mattscheibe“ auf – damals noch – Premiere erfreute sich in einer kleinen Gemeinde Anfang der 1990er Jahre hoher Beliebtheit. Wer nicht gerade jenseits der 60 Jahre Lebensalter weilte und den MDR zu seinen Lieblingssendern zählte, erfuhr vermutlich in der …