Fernsehen
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Authentisches Urviech

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Foto: Chester100/Udo Grimberg – Udo Grimberg. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Achim Mentzel wird heute 68 Jahre alt. Was hat diese Information in einem Medienblog zu suchen? Der ostdeutsche Entertainer ist einer der bemerkenswertesten Vertreter der volkstümlichen Musikbranche. Nicht, weil seine Werke von inhaltlicher Tiefe oder musikalischer Genialität zeugten.

„Gott sei Dank, Dank, Dank / ist sie schlank, schlank, schlank / wie eine Tanne.“

Diese Textzeile steht qualitativ durchaus stellvertretend für sein Oevre. Und das ist kein Kompliment. Nein, seine Verdienste liegen auf einem gänzlich anderen Tableau. Mentzel zeigt, dass auch in diesem oft für seine Künstlichkeit kritisierten Zweig der Unterhaltung Integrität und – ein bös‘ überstrapazierter Begriff – Authentizität möglich sind. Er erwarb sich damit gar Fans und Verehrer über die Grenzen der Volksmusik- und Schlager-Szene hinaus. Wie kam es dazu?

Mentzel wurde einer größeren Zuschauermasse bekannt durch den Mediensatiriker Oliver Kalkofe. Dessen 15-minütes TV-Abwatschen „Kalkofes Mattscheibe“ auf – damals noch – Premiere erfreute sich in einer kleinen Gemeinde Anfang der 1990er Jahre hoher Beliebtheit. Wer nicht gerade jenseits der 60 Jahre Lebensalter weilte und den MDR zu seinen Lieblingssendern zählte, erfuhr vermutlich in der Mattscheiben-Sendung vom 29. Januar 1995 erstmals vom „zottigen Urviech“, wie Kalkofe Achim Mentzel in einem Beitrag über „Achims Hitparade“ betitelte.


Kalkofes Sendung lief zu diesem Zeitpunkt ein knappes Dreivierteljahr und hatte eher wenig lockere Reaktionen prominenter Fernsehgesichter und ihrer Besitzer hervorgerufen. Gerichtliche Auseinandersetzungen sollten noch folgen. Was Mentzel tat, war erstaunlich. Der Moderator reagierte nicht über Boulevardmedien oder Anwälte. Er platzierte im Hintergrund seiner Sendung auf einer Schultafel den Spruch „Kalki ist doof“. Es entstand ein ironisches Hin und Her zwischen den beiden, das schließlich in einer gemeinsamen Sondersendung „Achim seine Mattscheibe“ gipfelte. In dem Mitte 1996 gesendeten Vierstünder hielt Mentzel seinen Peiniger in einem TV-Gerät gefangen und konfrontierte ihn in Best-Of-Manier mit seinen „Verfehlungen“.

Es ist schon bemerkenswert genug, dass Mentzel so reagierte. Insbesondere in der gemeinsamen Moderation jedoch liegt eine besondere Subversivität. Denn er trat seinem Kritiker gegenüber. Damit zwang er diesen, sich mit der eigenen Person und Rolle auseinanderzusetzen. Es ist leicht, aus der Entfernung Gehässigkeit über jemanden auszuschütten. Doch in der direkten Interaktion mit dem Subjekt seiner Häme konfrontiert, muss die Strategie geändert werden. Das hat einen psychologischen Grund. Was passiert, wenn ein eigentlich durchaus kritikwürdiger Prominenter vom direkten Gegenüber ironielos herunter gewürdigt wird, demonstrierte die Schauspielerin Kathrin Sass wortreich und laut in der Talkshow von Markus Lanz. Dort hämmerte sie verbal auf den Ex-Dschungelinsassen Peer Kusmagk ein. Nachdem sie partout vom – zugegeben eher abwesenden Moderator – nicht zu beruhigen war, schwang die Gunst des Publikums – und einiger Rezensenten – zu Kusmagk um.

So zeigte sich am humorvollen Umgang Mentzels mit seiner Verhöhnung nicht nur dessen eigene Größe, sondern auch die Kalkofes, der sich und auch seine Rolle selbstironisch durch den Kollegen infrage stellen ließ. Dabei behielt er den Part des Nörglers stets bei, verschafft dadurch aber dem stets fröhlichen und seine Texte unverhohlen ablesenden Mentzel automatisch den Hochstatus. Ein beinahe klassischer Double Act und eine Liaison, die beide adelt.

„Gut und schön“, höre ich Sie, liebe Leser jetzt sagen, „aber der Typ bleibt eine Hackfresse, die nicht moderieren kann!“ Richtig. Aber er weiß das. Und stellt damit in der deutschen Unterhaltungsbranche eine der seltenen Ausnahmen dar. Hier, wo alles auf das funktionieren ausgelegt ist, auf eine bestimmte Zielgruppe abgestimmt, wo es Moderationstrainings und Imageberater gibt und der Playboy und das Promi-Dinner schon vor dem Ausgang des Dschungelcamps warten. Hier schafft Mentzel authentische Momente. Und ist damit glaubwürdiger als 95 Prozent seiner Bühnen- und TV-Kollegen.

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