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Genrenale 3 – Jetzt erst Recht!

genrepalast_01In den letzten Jahren konnte man beim Blick in Fernsehprogramm und Kinoschaukästen ob des mangelnden Innovationswillens schon den Glauben verlieren. Wem es so ging, der konnte sich am 11. und 12. Februar 2015 im Berliner Babylon-Kino endlich wieder einer religiösen Erleuchtung nahe fühlen. Verantwortlich dafür war die Genrenale, das Festival für Horror, Mystery, Thriller und Fantasy. Im dritten Jahr seines Bestehens lässt sich ein beachtliches Resümee ziehen.

Die Festival-Organisatoren Paul Andexel und Krystof Zlatnik hatten die Filmschau 2013 als 90-minütiges Programm ins Leben gerufen. Schon 2014 war ein ganzer Tag mit mehreren Kurzfilmprogrammen und einer Feature-Premiere daraus geworden. In diesem Februar konnten die beiden Berliner Filmemacher auch dank der Unterstützung vom TV-Sender TELE5 und einer großen Crowdfunding-Kampagne zwei volle Tage bespielen. 30 Genrewerke wurden gezeigt, davon drei Langfilme, hinzu kamen zahlreiche Trailer, Teaser oder Previews.

Mehr Masse, mehr Ausschuss? Mitnichten! Sogar das Gegenteil ist der Fall. Durchweg lässt sich der deutschen Genreszene – entgegen der öffentlichen Wahrnehmung – nicht nur eine hohe Produktivität, sondern auch eine überdurchschnittliche Qualität bescheinigen. Den Eindruck habe ich schon länger. Während meiner fünf Jahre beim Filmmagazin zoom waren die innovativsten Projekte, über die ich schrieb, die spannendsten Ideen, die riskantesten Projekte stets aus dem Genre.

Die Genrenale 2015 hat gezeigt, dass hier nicht etwas heranwächst – es ist schon längst da. Die Filme kommen mit Selbstbewusstsein daher, mit einer Wucht, dass mich der Kontrast zum letzten Jahr überrascht hat. Sicher wird immer noch viel zitiert und es werden Vorbilder abgefeiert wie zum Beispiel in „Trip“ von Armin Riedel, der jedoch nicht vergisst, seine klassische Rachestory am Ende süffisant ironisch zu brechen.

Doch vor allem gibt es enorm viele originelle Stoffe wie „Au Pair“ von Marc Schießer oder „Anti Cupido“ von Andreas Pakull, der erste mit einer im Genrefilm nicht häufigen starken Frauenrolle, der zweite mit einer grandios-absurden und höchst konsequent umgesetzten Story. Hinzu kommen Filme, die erzählerische Risiken eingehen, wie „Barbier’s Blade“ von Hakan Can, der den 7-Minüter aus einer einzigen Einstellung drehte und dabei eine höchst komplexe Atmosphäre schuf, sowie Werke, die politische Themen anschneiden, wie „Free Monkeys“ von Cengiz Akaygün, in welchem an einem Konzernchef ein Exempel statuiert werden soll.

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Dabei ist es wichtig, auch mal auf die Schnauze zu fallen. Nicht alles im Programm weiß 100-prozentig zu überzeugen. Aber immer 100-prozentig zu unterhalten. „Schnee in Rio“ von Manuel Vogel ist eine astreine Film-Noir-Agentenfilm-Parodie mit mörderisch gutem Soundtrack inklusive Shirley-Bassey-Hommage und Bond-Vorspann, ist aber manchmal etwas zu unausgegoren im visuellen Konzept. Er macht aber Riesenspaß und jede seiner 25 Minuten ist sehenswert.

Der Unterhaltungsfaktor der Veranstaltung war sicher auch einem tollen Moderatorenduo zu verdanken. Mara Scherzinger und Daniele Rizzo führten kantig und mit großem Spaß durch die Programme. Zwei, die nicht auf Nummer sicher gehen, sondern auch mal einen Gag verhauen. Aber das geschieht stets in der Absicht, lieber sich selbst zum Deppen zu machen, dafür aber den Filmemacher gut aussehen zu lassen.

Hervorragend finde ich die Entscheidung, auf dem Festival breit abzubilden, was aktuell in der Mache ist. Dazu trug die am Donnerstag abgehaltene Pitch-Veranstaltung bei, aber auch die eingestreuten Trailer, Teaser und Proof-of-concept-Schnipsel. Dabei den Mut zu haben, etwas anzukündigen, was vielleicht nie umgesetzt wird, dem muss Respekt gezollt werden. So stellte Rainer Matsutani sein Serienprojekt „Spides“ in einem beeindruckenden 7-Minuten-Cut vor.  Darin deckt eine Gruppe Videoblogger eine Verschwörung von spinnenähnlichen Aliens auf. Matsutani nutzte die Gelegenheit, zu betonen, wie schwierig ein solches Vorhaben in der aktuellen TV-Redaktions-Landschaft umzusetzen ist.

Auch in der anschließenden Podiumsdiskussion zum Thema „Storytelling und Identität des deutschen Genrefilms“ wurde deutlich, dass Genre in Kino und Fernsehen hierzulande noch weit davon entfernt ist, ein Selbstgänger zu sein. Dabei ging es dann eher am Rande um Storytelling, dafür widmete sich das hochkarätig besetzte Panel unter der Moderation eines hervorragend vorbereiteten Mark Wachholz, selbst Drehbuchautor, der Identität des deutschen Genrefilms.

Die Regisseure Till Kleinert („Der Samurai“), Rainer Matsutani („Nur über meine Leiche“) und Dominik Graf („Im Angesicht des Verbrechens“) sowie Produzent Philipp Knauss („Der Sandmann“) und Autor Michael Pröhl („Tatort – Im Schmerz geboren“) beleuchteten den aktuellen Stand der Dinge und berichteten über eigene Erfahrungen mit dem Kino- und TV-System, sparten aber auch die positiven nicht aus.

Insgesamt wirkte die Genrenale 2015 eher, als hätte das Festival sein Zehnjähriges gefeiert. Die Atmosphäre war familiär, vieles lief höchst organisch ab, auch wenn es improvisiert war, wie weite Teile der Preisverleihung. Doch nie wirkte das dilettantisch. Es hatte stets Biss, Stringenz und vor allem Humor. So waren dann auch stille Momente möglich. Bei der Preisverleihung bekam der wirklich grandiose „Anti Cupido“ den „What the Fuck!“-Preis für die überraschendste Idee zugesprochen. Organisator Krystof Zlatnik nahm den Preis stellvertretend für das Team entgegen und sprach über den Tod des jungen Regisseurs kurz nach der Festivaleinreichung im vergangenen Jahr.

Andexel und Zlatnik haben nicht nur bewiesen, dass sie ein wachsendes Event herauf skalieren können, sie haben auch das Versprechen eingelöst, das sie mit dem Start der Genrenale gemacht haben: Den Genrefilm aus deutscher Produktion zu neuer Relevanz zu führen. Denn er ist vorhanden und er wird wahrgenommen. Das Spektrum ist riesig. Das ist keine Übertreibung.

Mit der Genrenale 3 lässt sich erstmals eine Zäsur hierzulande feststellen. Das Festival hat deutlich gemacht, dass es aktuell wahnsinnig wichtig ist, eine neue, eigene Sprache zu entwickeln. Denn nur auf die USA oder Asien zu schielen, und diese zu imitieren, reicht nicht. Vielversprechende Ansätze dafür brauchte man im diesjährigen Genrenale-Programm nicht lange zu suchen. Das macht Mut. Doch um eines kommt niemand herum. Das Publikum muss mitgenommen werden. Deshalb wünsche ich der vierten Genrenale in 2016 noch mehr Einsendungen, noch mehr Zuschauer und dass noch mehr Besucher nicht aus dem Filmbereich stammen.

  • Reklame in eigener Sache: Ab dem 1. März werde ich auf meinem neuen Blog www.FilmeUndMacher.de alle Kurzfilme, die auf der diesjährigen Genrenale liefen in einer Review würdigen! Meldet Euch schonmal zum Newsletter an und verpasst nix!

KurzfilmFreitag (2): „Nennt mich Schmetter“ von Felix Harjans

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Quelle: Screenshot, Vimeo-Video „Nennt mich Schmetter“

Zwei Studenten machen sich auf, einen Dokumentarfilm zu produzieren, der sie dabei begleitet, wie sie einen Dokumentarfilm produzieren. Leider verheddern sie sich dabei irgendwie in der Metaebene, was tragische Folgen hat.

Eine weit verbreitete Unsitte unter jungen Filmemachern ist es, das eigene Werk bis zum Bersten mit Intertextualität zu überfrachten. Im Amateur- und Indiefilm geschieht das eher auf der inhaltlichen Ebene, im Studentenfilm eher auf der formalen. Im schlimmsten Fall führt das zur Beliebigkeit – wenn man die tausendste „Hasta la vista“-Variante um die Ohren gehauen bekommt – oder gar zur völligen Unverständlichkeit, weil die Bildsprache russischer Neo-Surrealisten leider noch nicht zum hiesigen Bildungskanon gehört.

Felix Harjans und sein Team spicken ihren Film zwar mit reichlich Zitaten. Die sind aber so herrlich mit Albernheiten unterfüttert oder gar überlagert, dass man nicht das Gefühl hat, hier einer medienwissenschaftlichen Selbstbespiegelung beizuwohnen. Im Gegenteil: Wann immer möglich, nehmen die Mainzer Studenten die gängigen Dokumentarfilmklischees auf die Schippe.

Das fängt schon bei der Entscheidung, den Film im 4:3-Bildformat zu drehen, an. Es werden bedeutungsschwangere Sätze gesagt, nach denen die Kamera noch sekundenlang auf dem Gesicht des Hauptdarstellers Petr Eremin verweilt. Auch der Voice-Over-Kommentar tänzelt zwischen sachlich formuliertem TV-Off-Text und sorgsam gesetzten Brachialpointen hin und her.

In der „Ausraster“-Szene hängt das Werk dann dramaturgisch leider etwas durch. Diese hätte gerne etwas kürzer sein können. Das wäre dem Goutieren des tollen Spiels von Darsteller Freddy Kondak eher dienlich, der hier im Kontrast zum restlichen Film mal aufdrehen darf. Die Länge der Szene schadet dem Gesamteindruck aber eher nicht.

Am meisten Spaß mit dem 14-Minüter werden sicher Zuschauer haben, die täglich mit genau dem Sujet des Films zu tun haben. Wer Schnittprogramme kennt, Erfahrung mit Gruppendynamik an Filmhochschulen hat oder ein Faible für surreale Montagesequenzen besitzt, wird auf seine Kosten kommen. Wer zudem noch Werner-Herzog-Fan ist und sich ein bisschen mit der Geschichte um das Desaster von „Fitzcarraldo“ auskennt, könnte hier ein Kleinod finden.

Fazit: Schön gemachte Mockumentary, die gekonnt eine Balance zwischen albern und schlau findet!

nennt mich Schmetter from fh on Vimeo.

KurzfilmFreitag (1): „Shit“ von Samuel Buscapé

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Quelle: Screenshot, Vimeo-Video „Shit“

Fettiges Essen, Angetrunkene, Schießbudenfiguren. Nein, wir befinden uns nicht auf der Klausurtagung der CSU, sondern auf dem Jahrmarkt. Über dieses Kirmesvergnügen jagt ein junger Mann, sein Blick wechselt hastig zwischen Himmel und Fahrgeschäften hin und her. Endlich findet er, was er sucht: eine Schießbude. Er lädt das Gewehr und hebt den Lauf …

Samuel Buscapé ist ein schneller kleiner Film gelungen, den man als Zierde seines Genres bezeichnen darf. Er ist mit gerade mal 2 Minuten und 34 Sekunden enorm kurz. Jetzt gibt es viele Filme, die eine ähnlich Länge haben. Doch entweder erzählen die zu wenig oder es gelingt ihnen, selbst auf dieser geringen Distanz noch Zeit zu verplempern. Letztere sind dann oft eh nicht der Rede wert, denn was bleibt man hier noch an Story übrig?

All diese Fehler macht Regisseur und Autor Buscapé nicht. Er erzählt seine Geschichte ökonomisch, aber nicht zu knapp. Dafür nutzt er das Mittel der Verrätselung und erzählt seine Story in zwei verschachtelten Rückblenden. Die Kameraarbeit von Markus P. Hammer ist hervorragend und unterstützt stets die Verrätselung. Dabei findet er auch überraschende Perspektiven, wie die Subjektive des Gewehrlaufs an der Schießbude.

Die rasante Action-Musik von Robert Gandy unterstreicht die Hektik des Films und ist gerade so eine Schippe zuviel, dass es noch als Augenzwinkern rüber kommt, was aber zur Atmosphäre des Films passt. Beide Darsteller, Claudia Plöckl und auch Wolfgang Zarnack, machen ihre Sache gut und haben keinerlei Probleme, ihre Aufgabe ohne Dialoge zu lösen.

Fazit: Rasant, toll geschrieben und klasse gefilmt – klasse Kürzestfilm!

Ab heute gibt es hier regelmäßig – aber nicht zwangsläufig jeden Freitag – die höchst subjektive Rezension eine deutsche Kurzfilms von mir. Das Werk selbst könnt Ihr euch dann gleich hier auch angucken. Diskutiert das Filmchen gerne unten in den Kommentaren!

Shit from Samuel Buscapé on Vimeo.

Warum der Tatort „Im Schmerz geboren“ wichtig ist

Matthes und Tukur haben mehr gemeinsam, als ihre Vornamen

Ästhetisch auf Kinoniveau: Der Tatort „Im Schmerz geboren“ (Screenshot aus der ARD-Mediathek)

Am Fernsehprogramm wird herum gemeckert, seit es das Fernsehen gibt. In den vergangenen Jahren wurden jedoch die Stimmen der Kritiker nicht nur lauter, ihre Kritik wurde auch immer berechtigter. Jetzt gibt es Grund zur Freude. Eigentlich. Am zurückliegenden Sonntag, 14. Oktober 2014, lief der Wiesbadener Tatort „Im Schmerz geboren“ im Ersten Programm der ARD. (Wer Lust hat, ihn zu sehen, in der Mediathek der ARD ist er zwischen 20 und 6 Uhr bis 21.10. abrufbar.)

Ulrich Tukur spielt darin erneut beeindruckend den Kommissar Murot, seinen Gegenspieler Harloff – ja, es gibt einen echten Antagonisten! – verkörpert sensationell gut Ulrich Matthes. Beide Figuren waren vor 30 Jahren gemeinsam auf der Polizeischule, Harloff ging nach seinem dortigen Rauswurf nach Südamerika, wo er im Drogenhandel mitmischte. Jetzt ist er wieder da – das bringt einige Probleme mit sich.

Schon während des Films überschlugen sich die begeisterten Kommentare auf Twitter und Facebook. Tatsächlich haben Regisseur Florian Schwarz und Drehbuchautor Michael Proehl einen durchdachten, harten Thriller mit enormem Gestaltungswillen umgesetzt. Die Kamera von Philip Sichler ist für eine TV-Produktion irre aufwändig, immer wieder gibt es Plansequenzen, die immer auf wundersame Weise der dramaturgischen Funktion untergeordnet sind.

Das Ensemble spielt durch die Bank weg fantastisch, angefangen beim Hauptdarstellerduo Tukur und Matthes, die sich zwischen Vertrautheit und Hass austoben dürfen, aber auch ein eindrücklicher Alexander Held erfüllt die zwei Aufgaben seiner Rolle meisterlich. Vor allem sind es aber die Drehbucheinfälle, die der ewigen Tatort-Herausforderung etwas Neues abgewinnen.

Das Whodunnit oder immerhin Wannkriegensiesraus tritt sehr schnell in den Hintergrund, zu faszinierend sind die Abgründe, die sich da auftun, zu konsequent die Inszenierung einiger Szenen zu klassischer Musik (Hier ein Interview zur Filmmusik dieses Tatorts.), zu gelungen die Stilisierung der Gewalt, zu poetisch die visuelle Auflösung.

Zeitgleich zum Lob in den sozialen Netzwerken kamen schon Skeptiker. Doch der wahre Ansturm auf die ARD ging erst hinterher los. Ob das noch ein Tatort sei, fragten die Puristen, wieso solche Gewaltexzesse zu so früher Stunde im TV laufen dürfen, fragten die Moralisten. Alles erwartbare Reaktionen.

Was mich wirklich ärgerte, waren die Äußerungen von Rezensenten und Kommentatoren, die sich an Gewalt oder Gestaltung abarbeiten, aufgrund der rund 50 Toten dämliche Tarantino-Vergleiche heran zogen oder gar in die leidige GEZ-Gebührendiskussion einstiegen, für deren Anbringung der Anlass heutzutage nicht gering genug sein kann – ohne zu würdigen, dass hier etwas grundlegend Anderes versucht wurde.

Sicher, einige wiesen darauf hin. Aber der Grundtenor dieser Rezensionen war: „Hätten sie es besser nicht versucht.“ Und das ist die falsche Schlussfolgerung! Hier wurde etwas Anderes ausprobiert. Das ist richtig! Und es ist nicht löblich, es ist nötig. Auch, wenn es schief geht!

Jeder Versuch, etwas anders zu machen, ist ein Schritt, hierzulande etwas an der inhaltlichen Schieflage der Sender zu ändern. Sehen wir der Wahrheit ins Gesicht, so sehr wir es uns wünschen, es wird in absehbarer Zeit kein deutsches „Game of Thrones“ oder „Mad Men“ geben. Zu hoch sind die Budgets, zu gering hierzulande die Entwicklungs-, Produktions- und auch Rezeptionserfahrungen mit diesen Genres aus deutscher Hand.

Also gilt es als ersten Schritt, auf Innovation in unseren hierzulande funktionierenden Formaten zu setzen. Auf dem Tatort-Sendeplatz mit der Lieblingssendung im Lieblingsformat der Deutschen ist das schon verdammt mutig. Und ja, dazu gehören auch Ausreißer, wie die Copy&Paste-Versuche der Kinodramaturgie von Schweiger und Constantin Television, die Christian Alvart mit dem Hamburger Tatort umsetzte.

Auch bei „Im Schmerz geboren“ hat nicht alles funktioniert. Aber verdammt viel. Wenn ich also Klagen darüber höre, das sei meilenweit entfernt von Tarantino, komme ich aus dem Kopfschütteln nicht heraus. Hier ist eine ästhetisch radikal andere Richtung verfolgt worden, als sonst auf einem sonntäglichen 20:15-Sendeplatz. Selbst wenn das komplett gescheitert wäre, wäre das ein Erfolg gewesen.

Warum? Weil das heißt, dass die Verantwortlichen – oder einige unter ihnen – langsam nicht nur kapieren, dass sie etwas ändern müssen. Sie haben auch die Eier, das durch zu fechten. Das geht vom Mut eines Autoren, so ein Buch zu schreiben, bis hin zum Redakteur, der das ganze dem Sender, dem Programmchef etc. gegenüber vertreten muss.

Dass Letzterer der in der Branche hoch geschätzte Jörg Himstedt war, überrascht nicht. In seiner Eigenschaft als Redakteur des Hessischen Rundfunks betreute Himstedt Projekte wie „Fünf Jahre Leben“ von Stefan Schaller, den Deutschen-Filmpreis-Gewinner „Oh Boy“ von Jan Ole Gerster und den aktuellen „Jack“ von Edward Berger.

Dass überhaupt etwas Neues gewagt wird, dass dies über den erfolgversprechenden Weg des Genres versucht wird und dass nicht herumgedoktert wird, sondern die Extreme ausgelotet werden, ist eine gute Sache. Das muss man eigentlich, ähnlich dem Phänomen des aktuell im Kino laufenden Cyberthrillers „WhoAmI“ von Baran Bo Odar, schon aus filmpolitischen Gründen gut finden. Insofern steht am Ende dieses Beitrags ein Appell: Mehr Versuche, mehr Scheitern, mehr Mut – und mehr Würdigung, ja, lautstarke Unterstützung dafür!

Generationenkonflikt: Y versus Z

Ich stolpere oft. Also metaphorisch. Beim Zeitunglesen, Nachrichtenschauen oder Radiohören. Manchmal ist es ein Artikel, manchmal eine Formulierung, oft eine Haltung, die für mich nicht zur Darstellungsform passen will. Mitte September bin ich über die Onlineversion eines Kommentars von Oliver Jeges in der Welt am Sonntag gestolpert.

Die Unausgegorenheit der Polemik lugt dem Leser schon aus dem Titel entgegen. Dort heißt es: „Die Jugendlichen von heute wirken wie Zombies.“ Autor Oliver Jeges schreibt also „Wirken“. Das ist schon enorm zurückgenommen, als wolle er besagter „Jugend von heute“, der er mit 32 Jahren auch noch nicht lange entwachsen ist, nicht zu nahe treten.

Was er aber dann doch tut. Jeges vergleicht in dem am 14. September in der gedruckten WamS und am 15. September auf Welt.de veröffentlichten Artikel die aktuelle Generation Y (gesprochen: „Why?“) mit den seelenlosen Zombies aus dem gleichnamigen Literatur- und Filmgenre. Eine Idee, der ich beim ersten Lesen der Überschrift sogar Sympathie entgegen brachte.

Jeges zieht als Belastungszeugen den Roman „Warm Bodies“ von Isaac Marion heran, der 2013 von Regisseur Jonathan Levine („50/50“) höchst passabel auch verfilmt wurde. „Warm Bodies“ schildert die Zombie-Apokalypse aus der Sicht eines Zombies, nämlich seiner Hauptfigur „R“. Buchzitate nutzt Jeges reichlich, um seine Behauptungen über die „Seelenlosigkeit“ der heutigen Heranwachsenden aufzustellen.

Jetzt könnte ich mich darüber aufregen, dass der Autor das Zombiegenre unkorrekt zusammenfasst. „Zombies sind immer eine sinnfreie Bedrohung für die Menschheit, so emotionslos wie ein Ebola-Virus oder Tsunami und so persönlich wie ein hungriger Grizzlybär.“ Aber das lasse ich noch als erlaubte Verallgemeinerung zwecks Zuspitzung durchgehen. Das ist ja schließlich kein film- oder literaturhistorischer Text.

Nein, mich stört eine simple Missachtung der journalistischen Sorgfalt. Ja, selbst in einem Kommentar. Denn dieser Text hier kommt ganz und gar nicht wie einer rüber. Wenn ich auf der einen Seite eine Behauptung aufstelle, die ich aus der These ziehe, der innere Monolog des „Warm Bodies“-Protagonisten sei mit einer Selbstbeschreibung der Generation Y gleichzusetzen, so muss ich auf der anderen Seite Belege bringen, die diese Behauptung in der erfahrbaren oder statistisch abbildbaren Realität untermauern. Das aber geschieht über weite Strecken nicht.

Es gibt nun wirklich genügend Studien zum Thema „Jugend heute“, die auch noch frei zugänglich sind. Da wäre es ein Leichtes gewesen, beispielsweise die aktuelle Shell-Jugendstudie von 2010 heranzuziehen, um zumindest ein paar Zahlen in der Hand zu haben, die (zwar ein gestiegenes, aber) nach wie vor geringes Interesse für Politik oder einen Werteverfall (wäre schon schwieriger) nachzuweisen. Die Sinusstudie von 2012 ist gar noch aktueller. (Aber noch weniger geeignet zur Untermauerung von Jeges‘ These.)

Stattdessen gibt es eine problematische Koppelung von verallgemeinernder Behauptung mit selbst gebasteltem, zugespitzten Motto, gefolgt von kruder Zusammenfassung, ja Schlussfolgerung, wie hier:

„Teenager und Twentysomethings, die selten hinterfragen, warum etwas so ist, wie es ist, die keine Haltung entwickeln und deren Motto lautet: „Ich habe zwar keine Ahnung, was ich will, aber davon bitte viel!“ Sowohl Zombies als auch die heutige Generation sind weder Opfer noch Agenten ihres Zeitgeists. Sie tun einfach das, was sie tun müssen.“

Wer hier Jeges nicht in seiner Einschätzung der Jugend folgt, den nimmt er auch nicht mit. Die Behauptung, dass die Jugend von heute so sei, wird nicht belegt. Nicht mal mit einer persönlichen Erfahrung. Das geht grundsätzlich in einem Kommentar. Ist aber schade, denn ansonsten kommt der Artikel eher wie ein polemisches Erklärstück daher, dem ich dann aber auch gerne in allen Gedankengängen folgen möchte.

Jeges malt das Bild der Zombiehorde dann gleich als ein arg schiefes (Äh, auch dieses Bild ist schief), wenn er das Menschenfleisch, also das Objekt, nach dem die Zombies gierten, für die Generation Y durch „Anerkennung und Wertschätzung“ sowie „Lob und Liebe“ ersetzt. Im nächsten Satz ist es plötzlich ein Schlafwandeln durch die aktuellen Kriege, Katastrophen und politischen Skandale, dass ihn wundert.

Warum zieht Jeges den – publizistisch – ausgelutschten Vergleich zum jugendlichen Protest gegen den Vietnamkrieg heran? Warum hat er nicht seinen Blick in die jüngere Vergangenheit auf die Demonstrationen gegen den Irakkrieg des Herrn Bush lenkt? Das ist zwar auch zehn Jahre her, aber vermutlich waren doch zu viele seiner kritisierten Twens von heute als Teenager auf eben jenen Demos.

Weiter behauptet Jeges: „Heute herrscht wieder Krieg an Europas Grenzen, doch den meisten ist es vollkommen egal.“ Ist das so? Meine persönlichen Erfahrungen mit zwischen 17- und 27-Jährigen (das ist der nicht-repräsentative Ausschnitt dieser Altersgruppe in meinem Bekanntenkreis) belegen das Gegenteil. Wie sind seine denn? Worauf fußt dieser Vorwurf? Das sagt er mir leider nicht. Stattdessen folgt ein weiteres Zitat aus dem Zombie-Roman mit ungefragter Zusammenfassung von Herrn Jeges: „Zombie oder Ypsiloner – die Seelenlosigkeit ist ihnen gemein.“

Die Kritik an der unreflektierten Teilnahme an der ALS Ice Bucket Challenge kann ich sogar nachvollziehen. Der Ach-so-lustige Sommerhype des Kaltwasserduschens hatte einen ernsten Hintergrund, nämlich auf die amyotrophe Lateralsklerose hinzuweisen. Doch nach und nach entfernte sich das Spektakel von seiner Ursprungsidee. Viele nicht prominente Teilnehmer ließen am Ende sogar den Wortzusatz „ALS“ im Titel ihrer Postings weg, von einer Erwähnung oder Verlinkung auf die diversen, möglichen Spendenempfänger ganz zu schweigen. Das jedoch taten Alters- und Nationengruppen aller Couleur. Dieses Verhalten ließe sich also nicht allein (deutschen) Jugendlichen in die Schuhe schieben.

Schließlich führt Jeges tatsächlich noch eine Studie heran, die des anerkannten Jugendforschers Klaus Hurrelmann. Aus dieser zitiert er einen Absatz, der gegenwärtigen Jugendlichen zuschreibt, mit schneller Auffassungsgabe ihr Verhalten so festzulegen, dass möglichst viel Gewinn für sie zu erwarten sei. Ausgerechnet am Tag der Veröffentlichung, dem 15.09.2014, erschien auf der Internetpräsenz der Frankfurter Allgemeinen ein Interview mit Hurrelmann, Thema ist ebenjene Studie, auf die auch Jeges sich bezieht. Schon im Titel und Lead klingt die Zusammenfassung der FAZ-Redaktion so ganz anders, als im Welt.de-Artikel:

„Sie sind angepasst, aber das ist ihr Vorteil“

Verwöhnt, konfliktscheu, opportunistisch und als Führungskräfte unbrauchbar: Das sind die Vorurteile über die derzeit Jungen. Das ist unfair, findet der Soziologe Klaus Hurrelmann.

So fällt dann auch die im Jeges-Text folgende Parallelisierung Zombies/Jugend diesmal deutlich verkrampfter aus:

Die junge Generation als instinktgetriebene Ansammlung vermeintlicher Individuen auf der Suche nach dem besten Nutzen. Genau wie eine Zusammenrottung von Zombies, die es gedankenlos immer in Richtung der nächsten Menschengruppe zieht.

Bevor ich versucht bin, dem ein „Hä?“ nachzustellen, wende ich mich den letzten Absätzen von Jeges Artikel zu. Hier wird es nämlich nochmal so richtig ärgerlich. „Die Sinne der ab 1980 geborenen scheinen vom permanenten Wohlstand getrübt“, schreibt er. „Sind es Kinder eines seelenlosen Kapitalismus?“, fragt er. Hier kommt also erstmals in diesem Artikel ein gesellschaftlicher, politischer Kontext ins Spiel, in dem diese Kinder aufgewachsen sind, dem sie ausgesetzt waren, der ihr Verhalten beeinflusst haben könnte.

Davon hätte ich mir etwas früher etwas mehr gewünscht, was übrigens auch bei Herrn Hurrelmann offene Türen eingerannt hätte. Und ich bin sogar bereit zu akzeptieren, die Generation der DDR-Kinder, die in den prägenden ersten zehn Lebensjahren in einem Unrechtsstaat aufwuchsen in dem keine „Masters“-Figuren an den Bäumen wuchsen, in einen Topf mit den westlichen (vermeintlichen) Wohlstandskindern geworfen zu sehen. Leider wird der Kapitalismusgedanke gar nicht weiter verfolgt, sondern bereits als Schlussfolgerung präsentiert. Chance vertan.

Sicher, es handelt sich beim Artikel von Jeges um einen Kommentar. Vertreter dieser journalistischen Darstellungsform sind durchaus für unterschiedliche Ausprägung ihrer Argumentationswilligkeit bekannt. Ist auch okay. Ich fürchte nur, so geht es mir zumindest, dass der Autor hier am Publikum vorbei schreibt. Ein Hinweis darauf, dass es auch anderen so geht: In den rund 250 Kommentaren zu diesem Artikel geht es fast ausschließlich um die eine These des mangelnden Vorbereitet-Seins der jungen Menschen auf die aktuelle (Arbeits-)Welt.

Dabei sind gerade für diesen Vorwurf im Artikel keinerlei belastbare Belege vorhanden. Die gibt es dort draußen, mit Sicherheit. Aber der Autor nimmt uns nicht mit auf diesen Weg. Hätte er hier Belege angeführt, wäre er vermutlich auch nicht umhin gekommen, die gesellschaftliche Entwicklung, ja, vielleicht sogar sozialpsychologische Aspekte mit einfließen zu lassen. Ganz zu schweigen von den oben erwähnten Studien. Das wäre jedoch ein anderer Artikel geworden. Und kein Kommentar. Wenn ich es mir so überlege, hätte ich mir dann doch lieber eine reine Polemik gewünscht.

O Captain, my Captain

Robin Williams - Wikomedia Commons/Eva Rinaldi CC 2.0

Foto: Eva Rinaldi Flickr: Robin Williams → Diese Datei ist ein Ausschnitt aus einem anderen Bild: File:Robin Williams 2011a.jpg. Lizenziert unter CC BY-SA 2.0 über Wikimedia Commons.

Ein stammelnder Conan O’Brien. Das sieht man nicht alle Tage. Wie viele Late-Night-Hosts ist O’Brien eloquent und ein Meister der Improvisation. Selbst das eigene Schassen durch NBC auf dem Tonight-Show-Sendeplatz vor fünf Jahren brachte den Entertainer keine Sekunde aus der Fassung. Dann kam der 11. August 2014. Am gestrigen Tage starb Robin Williams in seinem Haus bei Tiburon in Marin County, nördlich von San Francisco. Die Polizei vermutet eine Selbsttötung. O’Brien erfuhr während der Aufzeichnung seiner Montagssendung davon. Und rang nach Worten.

So geht es vielen. Facebook und Twitter quellen über von Williams‘ Filmzitaten, „Ruhe in Frieden“-Wünschen und Erinnerungen an einen Schauspieler, der es wie kein zweiter vermochte, auf dem feinen Grat zwischen Komik und Ernsthaftigkeit zu tänzeln, der die Tragik in der komischen Figur fand und die Komik in der tragischen. Williams stand wie wenige seiner Kollegen für eine Unmittelbarkeit der Darstellung, deren Wucht man sich als Zuschauer im dunklen Kinosaal nur schwer entziehen konnte.

Wenn man die zahlreichen Beleidsbekundungen und Erinnerungsfetzen in den sozialen Netzwerken liest (der Hollywood Reporter hat hier ein paar Twitternachrichten seiner Kollegen gesammelt), fällt ein großer Unterschied auf zu den in den letzten Monaten beklagenswerten Todesfällen anderer prominenter Künstler. Die Kondolierenden stammen aus Sport, Entertainment sowie Politik und ihre Anzahl ist überwältigend. Sogar Präsident Barack Obama gab noch am Montag eine Stellungnahme ab und würdigte den Mimen als „one of a kind“.

Bei seinen Kollegen in Hollywood mag diese Reaktion nicht überraschen. Viele seiner Weggefährten beschreiben ihn als warmherzigen, großzügigen Menschen. Doch gerade in meinem Bekanntenkreis auf Facebook habe ich den Eindruck, dass viele Filmliebhaber sehr emotionale, persönliche Erinnerungen mit Robin Williams verbinden. Scheinbar erreichte er viele Menschen auf einer Ebene, die sonst nur persönlich Bekannten und Freunden vorbehalten ist. Warum?

Er hatte eine Wahrhaftigkeit, die es einem leicht machte, anzudocken. Was er tat, das machte er unter Einsatz von allem, was er einzubringen vermochte. Andere sitzen Promoauftritte in Late-Night-Talksows auf einer Backe ab. Wer Robin Williams auch nur einmal bei Craig Ferguson oder bereits erwähntem Conan O’Brien gesehen hat, konnte Zeuge werden einer Entfesselung. Seine kaskadierenden Einlagen, denen – einmal losgelassen – nur schwer etwas entgegen zu halten ist war.

Doch diese Unmittelbarkeit hatte einen Preis. Seit Jahren litt Williams unter Depressionen. Hatte mit Alkohol- und Drogenabhängigkeit zu kämpfen. Er ging immer offen damit um, machte darüber Witze („I went to rehab in wine country, just to keep my options open.“), bekam nach einem Rückfall 2006 Karriere und Leben wieder in den Griff – wie es schien – und arbeitete weiter. Erst vor Kurzem, so berichtete das Celebrity-Portal TMZ, begab er sich wieder in eine Rehaklinik, angeblich für das „Feintuning“ seiner Abstinenz.

Robin Williams hat meine Kinogeneration geprägt. Für mich wurde er in der Rolle des John Keating in „Dead Poets Society“ von 1989 unsterblich. Eine Rolle, die Parallelen zu seinem Wirken aufweist. Keating wollte inspirieren, seinen Schützlingen einen Anstoß geben, dessen Energie sie aufnehmen und weiter tragen konnten. Jeder nach seiner Begabung, seiner Persönlichkeit, seinen Möglichkeiten. Und Keating scheiterte, weil er die strengen Regeln der Gesellschaft unterschätzte.

Auch Robin Williams hat inspiriert, hat Anstöße gegeben, hat mehr als nur unterhalten. Der von einem Crescendo zum nächsten jagende, anarchische Comedystil, den er in seiner Stand-Up-Zeit entwickelte, flammte vor allem in den Gastauftritten bei Late-Night-Talkern oder Shows wie „Whose Line is it anyway?“ oder „Saturday Night Live“ auf. Diese Anarchie rettete er in einige Rollen hinüber, vor allem, wenn er unangepasste Figuren spielte, wie den Daniel Hillard in „Mrs. Doubtfire“, Adrian Cronauer in „Good Morning, Vietnam“, Parry Sagan in „König der Fischer“ oder eben John Keating. Mit diesen Figuren jubelte er dem Zuschauer subversiv den „anderen Blickwinkel“ unter, den Keating seinen Schülern empfiehlt und sie dazu auf seinen Tisch steigen lässt.

Robin Williams scheiterte nicht an strengen Regeln. Er scheiterte an einer Krankheit, die noch immer verharmlost und missverstanden wird. Aber ist er wirklich gescheitert? Unbestritten hat er den Kampf gegen die Krankheit nicht gewonnen. Ganz unabhängig davon, was die Behörden über einen angeblichen Suizid herausfinden werden. Doch er hat auch mehr erreicht, als so manch 63-Jähriger Hollywoodschauspieler.

Williams hat Millionen berührt, inspiriert und vielleicht früh im Leben davon abgehalten, seinem eigenen Schicksal anheim zu fallen. Man kann diese Zeilen in ein Drehbuch schreiben „Find your own rhythm“ oder „Take a different perspective“. Aber es bedarf eines Großen, der die Fähigkeit besitzt, diesen Funken lebendig werden zu lassen, daraus einen wahrhaftigen Moment zu machen. Das war seine Gabe.

In der letzten Szene von „Dead Poets Society“ stellen sich die Schützlinge John Keatings einer nach dem anderen unter dem Ausruf „O Captain, my Captain“ auf ihre Tische. Das haben sie vorher im Film auf Keatings Tisch geübt, beobachtet von einer Kamera, die eine interessierte Untersicht einnahm. Am Ende des Films schaut Keating zu ihnen auf. Die Kamera, jetzt auf Augenhöhe der jungen Männer, schaut zurück. Sie sind inspiriert worden, haben ihren Rhythmus gefunden, sind erwachsen geworden. Wie wir mit und durch Robin Williams.

 

Weitere lesens- und hörenswerte Kommentare:

Lukas Heinser:
http://www.coffeeandtv.de/2014/08/12/hebt-die-glaeser-fuer-john-keating/

DeutschlandRadio Kultur, Wolfgang Stuflesser im Gespräch mit L.A.-Korrespondent Jürgen König:
http://www.deutschlandradiokultur.de/nach-dem-tod-von-robin-williams-hollywood-haelt-kurz-den.1008.de.html

Keine Schere im Kopf

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Das Retrodesign ist Programm: Hier wird das Fernsehen der 80er Jahre wiederbelebt. (Screenshot, ARD-Mediathek „Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von Frank Elstner“, Erstausstrahlung 20.07.2014)

Ich bin verliebt. Sie ist genau drei Tage alt. Aber ich bin sehr verknallt. Keine Angst, ich schleife in den kommenden Zeilen weder mein peinliches Intimleben durch diese Blogstruktur, noch bin ich über Nacht Vater geworden und stopfe diesen Blog in den Folgemonaten mit Windelgeschichten und Kinderwagentestberichten voll. Das Objekt meiner Begierde ist eine Fernsehsendung.

Am letzten Sonntag lief im Westdeutschen Rundfunk erstmals „Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von … Frank Elstner“. Neun unverbrauchte Gesichter – neudeutsch ‚Talents‘ – inszenieren eine fiktive Show, die sich sehr grob an den Eckdaten ihres prominenten Gastes orientiert. Unter ihnen, sicher nicht ganz zufällig, zwei Absolventen der ersten Moderations-Masterclass von Elstner an der Axel-Springer-Akademie.

Verantwortlich für diese öffentlich-rechtliche Dreiviertel-(Stern)stunde ist die Bildundtonfabrik (BTF) von Philip Käßbohrer und Martin Schulz. Schulz ist bei dieser Sendung Produzent, Käßbohrer fungiert zusammen mit Jan Böhmermann als Executive Producer. Das Unternehmen produzierte in den vergangenen Jahren solche Kleinode wie „Roche & Böhmermann“, „Kebekus!“ sowie „Neo Magazin“ und strichen im April für letztere Show den Grimme-Preis ein.

Beim neuesten Wurf kann man eindrucksvoll sehen, was passieren kann, wenn nicht jede Idee von einem halben Dutzend Trotteln (sprich: Redakteuren) kaputtgeredet wird, die von Formatentwicklung und kreativen Prozessen herzlich wenig verstehen, dafür aber von Pensionsansprüchen und Steuerabschreibungen umso mehr. Wer in den Abspann schaut, zählt zwar auch insgesamt fünf Redakteure. Die hier haben sich aber offensichtlich mit ganzem Herzblut der Freiheit dieser Sendung verpflichtet!

Schon im Show Opener bepöbelt Frank Elstner die Gäste seiner eigenen Beerdigung – unter ihnen Kollegin Bettina Böttinger und WDR-Intendant Tom Buhrow – als „humorloses Pack“ sowie „Arschloch“, weil sie es nicht lustig finden, dass er plötzlich aus dem Sarg springt. Es folgt eine Aneinanderreihung von live vor Publikum aufgezeichneten Sketchen und Einspielern. Die Sendungs- und Ensemble-Struktur erinnert etwas an Saturday Night Live oder seiner zahlreichen Ableger.

Doch der Aufwand, der hier betrieben wird, ist exorbitant. Da werden für einen Sketch zwei Parallelhandlungen in Taxi und Shazam-Firmenzentrale im Studio aufgebaut, inklusive Licht für die Reflexionen während der fingierten Fahrt. Es gibt aufwändig auf Siebziger Jahre getrimmte Einspieler und nicht zuletzt eine fette, komplett durchoreografierte Musicalnummer zum Schluss. (Lass‘ mich raten, wer dafür verantwortlich war.)

Apropos Einspieler. Deren Qualität schraubte das Team der Bildundtonfabrik ja bereits bei „Roche & Böhmermann“ in ungeahnte Höhen. Der Vorteil bei „Die unwahrscheinlichen Ereignisse …“ ist dessen Fiktionalität. Das hat zur Folge, dass hier noch mehr Unsinn erzählt werden kann. Diese Freiheit nutzt das Team: „Frank Elstner ist Ehrenbürger und Besitzer seiner Heimatstadt Baden Baden. Das 64 Meter hohe Frank-Elstner-Denkmal im Garten des Brenners Park-Hotels lockt jährlich tausende Besucher an.“

Elstner selbst merkt man den Spaß daran an, sich selbst durch Kakao zu ziehen. Ob es Scherze über sein Glasauge sind oder in einem Sketch seine Moderationsabhängigkeit thematisiert wird, das nimmt er, wie der Profi, der er nun mal ist. Im sicheren Wissen, dass die ironische Brechung immer auch Hommage ist. bei einem Mann seines Formats allemal. Zudem tritt hier noch ein weiterer Aspekt zutage. Redaktion und Autoren hatten keine Schere im Kopf, was die Gags angeht.

Das erschöpft sich nicht in Glasauge-Referenzen. Wenn Elstners Engagement für junge Moderatoren in der fiktiven „Viral-Masterclass“ persifliert wird, ist das schon mehr als ein Augenzwinkern. Zumal wenn man bedenkt, dass die Ensemble-Mitglieder Alexander Wipprecht und Florentin Will aus Elstners Moderations-Masterclass stammen und Will auch als Autor geführt wird. Wenn dann niemand Geringeres als Samuel Koch für die Ungefährlichkeit eines für ein Youtube-Video geplanten Stunts bürgt, bleibt einem kurz das Lachen im Halse stecken.

Diese Momente sind zwar selten, aber sie sind da. Der Ausbruch aus dem politisch Korrekten wird auch Koch Spaß gemacht haben. Das Spiel mit den Erwartungen an einen Querschnittgelähmten. Hier wird nicht über den Rollstuhlfahrer gelacht, den Witz macht Koch selbst. (Dieser Umgang mit solchen Themen wird bereits in der Show-Eröffnung angedeutet, als wirklich jede vermeintliche „Minderheiten“-Gruppe Frank Elstner begrüßt, bis hin zum Rollstuhlfahrer, der beinahe das Mikrofon umfährt, nur um zu sagen, dass es ihm nichts ausmache, wenn Witze über ihn gemacht werden.)

Für das Aussprechen solcher Ideen sind schon Autoren auf der Straße gelandet. Das ist der Wille anzuecken, es nicht jedem Recht zu machen. Das ist kein glattgescheuertes Wohlstandsfernsehen, das sind frische Gesichter und der Spaß am Fernsehen – und der Auseinandersetzung mit dem Medium. Aber auch nicht der krampfhafte Tabubruch a la Joko & Klaas, die sich stets selbst übertrumpfen müssen, um noch interessant zu bleiben.

Sicher lief hier noch nicht alles rund. Der Kneipensketch war etwas zu lang für Idee und Pointe. Auch wirken die Übergänge manchmal etwas gewollt. Da wünscht man sich entweder eine echt glatte Inszenierung oder den Mut zum offensichtlichen Bruch. Sicher gibt es immer Potential zur Verbesserung. Aber verdammt nochmal, das war die erste Sendung. Lasst die mal machen. Ich möchte ganz ungern schon wieder solche Worte wie „Grimme-Preis“ in den Mund nehmen. Aber die zwingen mich dazu.

Authentisches Urviech

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Foto: Chester100/Udo Grimberg – Udo Grimberg. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Achim Mentzel wird heute 68 Jahre alt. Was hat diese Information in einem Medienblog zu suchen? Der ostdeutsche Entertainer ist einer der bemerkenswertesten Vertreter der volkstümlichen Musikbranche. Nicht, weil seine Werke von inhaltlicher Tiefe oder musikalischer Genialität zeugten.

„Gott sei Dank, Dank, Dank / ist sie schlank, schlank, schlank / wie eine Tanne.“

Diese Textzeile steht qualitativ durchaus stellvertretend für sein Oevre. Und das ist kein Kompliment. Nein, seine Verdienste liegen auf einem gänzlich anderen Tableau. Mentzel zeigt, dass auch in diesem oft für seine Künstlichkeit kritisierten Zweig der Unterhaltung Integrität und – ein bös‘ überstrapazierter Begriff – Authentizität möglich sind. Er erwarb sich damit gar Fans und Verehrer über die Grenzen der Volksmusik- und Schlager-Szene hinaus. Wie kam es dazu?

Mentzel wurde einer größeren Zuschauermasse bekannt durch den Mediensatiriker Oliver Kalkofe. Dessen 15-minütes TV-Abwatschen „Kalkofes Mattscheibe“ auf – damals noch – Premiere erfreute sich in einer kleinen Gemeinde Anfang der 1990er Jahre hoher Beliebtheit. Wer nicht gerade jenseits der 60 Jahre Lebensalter weilte und den MDR zu seinen Lieblingssendern zählte, erfuhr vermutlich in der Mattscheiben-Sendung vom 29. Januar 1995 erstmals vom „zottigen Urviech“, wie Kalkofe Achim Mentzel in einem Beitrag über „Achims Hitparade“ betitelte.


Kalkofes Sendung lief zu diesem Zeitpunkt ein knappes Dreivierteljahr und hatte eher wenig lockere Reaktionen prominenter Fernsehgesichter und ihrer Besitzer hervorgerufen. Gerichtliche Auseinandersetzungen sollten noch folgen. Was Mentzel tat, war erstaunlich. Der Moderator reagierte nicht über Boulevardmedien oder Anwälte. Er platzierte im Hintergrund seiner Sendung auf einer Schultafel den Spruch „Kalki ist doof“. Es entstand ein ironisches Hin und Her zwischen den beiden, das schließlich in einer gemeinsamen Sondersendung „Achim seine Mattscheibe“ gipfelte. In dem Mitte 1996 gesendeten Vierstünder hielt Mentzel seinen Peiniger in einem TV-Gerät gefangen und konfrontierte ihn in Best-Of-Manier mit seinen „Verfehlungen“.

Es ist schon bemerkenswert genug, dass Mentzel so reagierte. Insbesondere in der gemeinsamen Moderation jedoch liegt eine besondere Subversivität. Denn er trat seinem Kritiker gegenüber. Damit zwang er diesen, sich mit der eigenen Person und Rolle auseinanderzusetzen. Es ist leicht, aus der Entfernung Gehässigkeit über jemanden auszuschütten. Doch in der direkten Interaktion mit dem Subjekt seiner Häme konfrontiert, muss die Strategie geändert werden. Das hat einen psychologischen Grund. Was passiert, wenn ein eigentlich durchaus kritikwürdiger Prominenter vom direkten Gegenüber ironielos herunter gewürdigt wird, demonstrierte die Schauspielerin Kathrin Sass wortreich und laut in der Talkshow von Markus Lanz. Dort hämmerte sie verbal auf den Ex-Dschungelinsassen Peer Kusmagk ein. Nachdem sie partout vom – zugegeben eher abwesenden Moderator – nicht zu beruhigen war, schwang die Gunst des Publikums – und einiger Rezensenten – zu Kusmagk um.

So zeigte sich am humorvollen Umgang Mentzels mit seiner Verhöhnung nicht nur dessen eigene Größe, sondern auch die Kalkofes, der sich und auch seine Rolle selbstironisch durch den Kollegen infrage stellen ließ. Dabei behielt er den Part des Nörglers stets bei, verschafft dadurch aber dem stets fröhlichen und seine Texte unverhohlen ablesenden Mentzel automatisch den Hochstatus. Ein beinahe klassischer Double Act und eine Liaison, die beide adelt.

„Gut und schön“, höre ich Sie, liebe Leser jetzt sagen, „aber der Typ bleibt eine Hackfresse, die nicht moderieren kann!“ Richtig. Aber er weiß das. Und stellt damit in der deutschen Unterhaltungsbranche eine der seltenen Ausnahmen dar. Hier, wo alles auf das funktionieren ausgelegt ist, auf eine bestimmte Zielgruppe abgestimmt, wo es Moderationstrainings und Imageberater gibt und der Playboy und das Promi-Dinner schon vor dem Ausgang des Dschungelcamps warten. Hier schafft Mentzel authentische Momente. Und ist damit glaubwürdiger als 95 Prozent seiner Bühnen- und TV-Kollegen.